Die Antwort gibt Gott nicht Karfreitag. Die Antwort gibt Gott Ostern.

Karfreitag

2. April 2021

Ecce Homo

Weniger als die Hoffnung auf ihn
das ist der Mensch
einarmig
immer

Nur der Gekreuzigte
beide Arme
weit offen
der Hier-bin-Ich

(Hilde Domin)


Musik zum Beginn

O Haupt voll Blut und Wunden - Bearb.: M. Gundlach

Piano: Dr. Birgit Kordt


Eröffnung

Karfreitag.

"Good Friday" heißt er auch – „Guter Freitag“ weil der Tod am Kreuz zum Weg ins Leben gehört.

Wir erinnern an den Mann am Kreuz. An sein Sterben und an das, was uns durch seinen Tod geschenkt ist: Auferstehung .

Wir entzünden eine Kerze und erinnern uns an den Mann am Kreuz: Jesus Christus,  der und Bruder ist und Herr und nach dem wir Christen heißen.

Wir bittenim Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes:

Herr, stärke uns, dein Leiden zu bedenken!

Nach Psalm 51:

(Übertragung: Huub Osterhuis)

„Schrubb den Schmutz von mir ab (...)
Ich habe getan,
was vom Bösen zum Schlimmeren läuft.

Ich habe es achtlos getan
mit Blick ins Blaue
als ob es nicht das Böse wäre, das es war,
als ob es von zwei Übeln
das geringste wäre.

Kennst du in deiner ewigen Seele
den Zwiespalt – bist du
so tief hinabgestiegen und Mensch geworden,
dass du uns darin begreifst?

BEI DIR IST VERGEBUNG,
so steht es geschrieben.
Es gibt ferne Freunde,
manche ganz nah,
die mir mein schlechtes Vorbild
nicht nachtragen. Sie sehen mich
leiden durch eigene Schuld,
versuchen,  es zu lindern.

Und meine Kinder.
Bei ihnen ist Vergebung.

Sei mir gnädig,
du, der Gnade ist.

Ich sehe den Weltenbrand,
den ich ausgelöst habe.
Das Vollkommene,
das ich geschändet habe.

Wasche mich rein
und ich werde weißer werden als Schnee.
Schenk mir ein neues Herz
Send deinen Geist,
dass ich neu erschaffen werde.

Wenn das möglich wäre ...“

Gebet am Karfreitag

Herr, unser Gott!

Wenn wir Angst haben,  dann lass uns nicht verzweifeln!

Wenn wir enttäuscht sind, dann lass uns nicht bitter werden!

Wenn wir gefallen sind, dann lass uns nicht liegen bleiben!

Wenn es mit unserem Verstehen und mit unseren Kräften zu Ende ist, dann lass uns nicht umkommen!

Nein, dann lass uns deine Nähe und deine Liebe spüren, die du ja gerade denen verheißen hast, deren Herz demütig und zerschlagen ist und die sich fürchten vor deinem Wort.

Zu allen Menschen ist ja dein lieber Sohn gekommen als zu solchen, die so dran sind.

Eben weil wir alle so dran sind, ist er im Stall geboren und am Kreuz gestorben.

Herr, erwecke uns alle und halte uns alle wach zu dieser Erkenntnis und zu diesem Bekenntnis!

( Karl Barth, 1886-1968)

Lesung aus dem Alten Testament (Jesaja 53)

1Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des Herrn offenbart? 2Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. 7Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. 8Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. 9Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10Aber der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des Herrn Plan wird durch ihn gelingen. 11Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

Predigt

Predigt von Pfarrerin Katrin Hirschberg-Sonnemann

Gelesen von Markus Wessel

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Was sind Gedanken, Gefühle, wenn alles verloren ist? Gescheitert. Hoffnungen sinnlos, Träume vor die Wand gefahren. Sackgasse.

Durchkreuztes Leben.

Alles, was geplant war, unmöglich.
Alles, was erreicht schien – hinfällig.
Kein Blick nach vorn mehr, der Blick zurück in Traurigkeit und Wut.

Nichts geht mehr.
Wie gelähmt stehen wir vor den Trümmern.

Durchkreuztes Leben.

Am Anfang war so viel Hoffnung. Eine Vision.
Leben neu gestalten, mit ihm leben. Dem Hoffnungsträger. Der Menschen aufhilft, heilt, zum Leben erweckt – sie in seinen Bann zieht. Wenn er redet, hören alle zu. Sie haben Träume, ein neues Lebens vor Augen – er, der Herrscher, so wie er eingezogen ist nach Jerusalem.
Er, machtvoll, und sie alle – an seiner Seite.

Und nun:

Das Leben durchkreuzt – alle Hoffnung begraben.
Sein Tod am Kreuz, so furchtbar, grausam und armselig.
Nur wenige können da zusehen.
Die Träume vor die Wand gefahren, aufs falsche Pferd gesetzt.
Enttäuscht, voll Angst, allein.
Das Grauen sehen – von ferne.

Sie gehen weg von Golgatha, doch es bleibt in ihren Herzen. Es bleibt das Wissen darum, dass nichts mehr ist, wie es war.

Durchkreuztes Leben.

Predigttext für Karfreitag: Zweite Brief des Paulus an die Korinther, im 5. Kapitel:

Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit die die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.

Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen; siehe, Neues ist geworden.

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hart unter uns aufgerichtet das Wort der Versöhnung.

Durchkreuztes Leben.

Paulus weiß darum, weiß, was es heißt, am Ende zu stehen.
Zu wissen, dass nichts von dem, was vorher war, noch gilt.
Alles, woran man geglaubt hat, zerbricht.
Das, was unserem Leben Sicherheit gibt, verloren ist.

Er weiß, wie es ist, nicht mehr sehen zu können wo und wie es weitergeht.
Haltlos zu sein.
Er weiß es, es ist seine Erfahrung und er erzählt davon.

Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen; siehe, Neues ist geworden.

Das Alte ist vergangen,

Durchkreuztes Leben.

Kreuz - Ein Bild von Arnulf Rainer

Ein schräggestelltes Kreuz, mit geschwungenen Linien, energisch gemalt, sonnengelb.

Es erscheint auf dunklem Hintergrund, Schwarze Farbe, die nach unten ausläuft. Das Schwarz, eingefasst in grau, eine graue Umrandung. Die Form erinnert an einen Grabstein vielleicht, ein Grab.

Auf dem dunklen Hintergrund, über ihn gemalt, das Kreuz.

Die Helligkeit platzt fast aus der Finsternis heraus und verliert sich nach unten in Farbspuren, die sich mit der schwarzen Farbe mischen.

Durchgekreuzt.

Durchkreuzter Tod, durchkreuzte Angst, durchkreuzte Trauer. 

Das Zeichen des Todes ist Zeichen der Hoffnung. Lichtvolles Hoffnungszeichen. Hoffnungsgelb. Lebensenergie wird sichtbar, spürbar in der kraftvollen sonnigen Farbe, energisch über das Dunkel gemalt.

 

Durchkreuzter Tod –

Ein neuer Anfang?

„ das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“

Eine Ahnung von neuem Leben: Versöhnung nennt es Paulus. 

Versöhnung heißt:
Einen neuen Lebensweg finden,
den Kopf heben und wieder sehen können.

Versöhnung heißt:
Zurückzublicken, aber in dieser Bewegung nicht zu versteinern.
Gott hat den Weg nach vorne frei gemacht.
Das, was schwer ist, was wir erfahren, was wir verursacht haben, nagelt uns nicht für immer fest.

Wir können es liebevoll hinter uns lassen, sollen es auch-.
Sollen Golgatha verlassen, uns dem Leben zuwenden.
Leben, das gewachsen ist aus dem Tod. Aus seinem Tod.

Jesus Christus.

Er ist die gelbe Farbe, das Licht des Bildes.
Er ist der neue Anfang.

Versöhnung heißt:
Gott hat das gelbe Kreuz Christi auf unser Dunkel gemalt, er hat es durchkreuzt mit Licht.

 

Das Leben durchkreuzt – alle Hoffnung begraben.

Und nun?

Die Antwort gibt  Gott  nicht Karfreitag.

Die Antwort gibt Gott Ostern.

 

Im Kreuz zerbricht unsere Logik, auch sie ist duchkreuzt.

Es steht zusammen: Gottverlassenheit und Gottesnähe. So kann der leidende, einsame, zweifelnde Gekreuzigte -mit weit am Kreuz auseinandergerissenen hilflosen Armen -zum Zeichen von Gottes Macht und Nähe werden mit Armen, die die ganze Welt umarmend  umspannen. So wie es Hilde Domin in ihrem Gedicht „Ecce Homo“ beschreibt:

 

Weniger als die Hoffnung auf ihn

Das ist der Mensch

Einarmig

Immer

 

Nur der gekreuzigte

Beide Arme

Weit offen

Der Hier-Bin-Ich

Musikalisches Zwischenspiel

At The Cross - Bearb.: Jerry Ray

Piano: Dr. Birgit Kordt

Klage und Bittgebet

Herr, unser Gott,
wir klagen über das Leid in der Welt.
Wir fragen: Warum müssen so viele Menschen sinnlos leiden?
Wir suchen nach Antworten, wir fragen dich.

Gott, wir klagen über die Kriege und Seuchen auf der Erde.
Wir denken an die vielen Menschen, die ihr Leben verlieren
Durch Gewalt und Willkür, durch achtlosen Umgang mit den Schätzen Deiner Schöpfung.

Wir klagen dir unvorstellbare Grausamkeit unter uns Menschen: Hass, Folter, Vergewaltigungen, körperliche und seelische Gewalt.

Wir denken an alle die zu Opfern wurden, an Kinder, Frauen und Männer.
Wir verstehen nicht, wie ein Mensch den anderen absichtlich quälen kann.

Gott wir klagen auch über das, worunter wir selbst leiden.
Wir klagen über den Schmerz in uns.
Oft fehlen uns die Worte für unsere Enttäuschungen und unsere Trauer.

Gott, wir bitten dich,
denn du kannst uns die Kraft schenken,
Schmerzen zu ertragen, Fragen und Zweifel auszuhalten.

Du kannst uns Mut schenken,
vor dem Leid nicht zu fliehen.

Du kannst uns Hoffnung schenken,
in der wir- trotz allem- unser leben gern leben.

Wir brauchen viel mehr Kraft, Mut und Hoffnung.

Wir fordern sie von Dir wie Jesus es tat-
Von dir, unserem Vater, der uns nicht verlässt.

Vater Unser

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Sendung

„Der Gekreuzigte

beide Arme

weit offen

der Hier-bin-Ich“

segne und behüte uns.

Segen

Es segne uns der allmächtige und barmherzige Gott,

+ der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.

Musik zum Ausgang

Herzliebster Jesu - Bearb.: Karl Heinrich Georg Davin

Orgel: Dr. Birgit Kordt