Wir wünschen allen ein gutes und gesegnetes Jahr 2021.

Sonntag, 29. März 2020 - Judika

29. März 2020 - Sonntag Judika - Predigt

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus

„Heute will ich aber einen schönen Traum.“

Mit diesem Satz ist mein kleiner Sohn vorgestern ins Bett gegangen. Er hatte in der Nacht davor einen Alptraum, von dem er den ganzen Tag über erzählen musste. Auch ich träume schlecht im Moment. Anspannung und Sorge bestimmt bis in die Nacht oft auch unseren Traum.

Die Bibel ist an manchen Stellen wie ein Traum Tagebuch, es gibt gute und schlechte, warnende und befreiende Träume

https://www.ekd.de/best-of-bible-traeume-32421.htm

Mein Lieblingsträumer ist Jakob, der Traum von einer Leiter zwischen Himmel  und Erde begleitet als Sehnsucht mein Leben.

Die Geschichte ist bekannt und nachzulesen in der Bibel (1Mose 28,10-22)

Beim Nachdenken über Jakobs Traum habe ich ein Gedicht erinnert: „Between the lines“ – zwischen den Linien von Paul Auster. Ich lese Teile meiner deutschen Übersetzung:

Zwischen den Linien

Kopf auf Stein gebettet, die Wege

der Entlegenheit. Und in deine Handfläche geschrieben:

die Straße.

 

Heimat ist also nicht Heimat,

sondern die Entfernung

gesegnet

und ungesegnet. Und wer auch immer sich

in die Haut seines Bruders gibt, wird wissen,

was Leid ist

 

Und im Finstern ringen

mit einem Engel.

 

Stone – pillowed, Kopf auf Stein gebettet – nach Alpträumen und schlechten Nächten ist da oft das Gefühl, hart auf einem Stein gelegen zu haben. Aber hier: auf einem Stein gebettet, vorsichtig gelegt auf einen festen Untergrund, geschützt. Nach seinem Traum von Gott  hat Jakob am Morgen aus einem Stein ganz viele Steine gemacht und einen Altar gebaut. An dem Ort, wo Himmel und Erde sich berühren, Beth-El genannt, das heißt Haus Gottes.

Jacob ist nicht nur  ein sympathischer Träumer, sondern auch ein unsympathischer Lügner. Er hält fest an seinem Plan, wichtig will er sein und der Erste, notfalls mit Lügen.

Wir Menschen bestehen nicht nur aus hellen Seiten, sondern auch aus dunklen, verborgenen. Es entsteht viel Gutes im Miteinander auf Abstand in dieser besonderen Zeit. Aber ungeschönt zeigt sich auch Vorteilssicherung in Hamsterkäufen und Neid – der Erste sein wollen, wie bei Jakob.

Und wer auch immer sich

in die Haut seines Bruders

gibt, wird wissen,

was Leid ist

 

Die Lüge fliegt auf, Jakob hat sich durch Lüge gesichert was er wollte, sein Erbe aber genießen kann er das nicht

Er muss fliehen vor der Wut des Bruders, ist stone pillowed, der Stein als Kopfkissen – Enttäuschte Pläne, harte Wege und hart liegt der Kopf.

Jakob träumt:

„Und ihm träumte, siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden ..., und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden“ (aus 1Mose 28,12 ff)

Jakob verliert seine Heimat, der getäuschte  Erstgeburtssegen hat nicht zur Erfüllung seines Traums geführt. Es kommt anders als er denkt.

Vieles kommt anders als wir dachten in der jetzigen Situation.

Stell Dir vor es ist Frühling und keiner geht hin, Konfirmationen, Taufen und Geburtstagsfeiern aufgeschoben. Passt nach verschobenen Schulabschlüssen überhaupt noch alles danach: Ausbildung, Studium, das Jahr im Ausland?

Urlaube – abgesagt oder die bange Frage: Wie komme ich jetzt nach Hause? Auch Operationen, auf die lange gewartet wurde, hinten angestellt. Anderes ist jetzt wichtig.

Unsere Heimat verändert sich, wir bleiben hier und sind trotzdem fremd.

Heimat ist also nicht Heimat,

sondern die Entfernung  

gesegnet

und ungesegnet.

 

Zwischen den Linien, between the lines, an einem vielleicht zufälligen Ort zeigt sich der Himmel offen. Überraschend, ungeplant ein Traum, der Gottes Segen birgt.

In der Erfahrung des Scheiterns eigener Pläne, dem  Verlieren des eigenen Boden unter den Füssen, stone-pillowed, den Kopf auf dem Stein – liegt  die Öffnung des Himmels.

Als Jakob aufwacht, zweifelt er keinen Augenblick daran, dass Gott  ihn hat träumen lassen, er kann Gott vertrauen. Ohne Zweifel und ganz selbstverständlich. Jakob  rechnet damit, dass es Orte gibt, an denen wir dichter dran sind an Gott als an anderen Orten. Orte, an denen der Himmel irgendwie die Erde berührt, nicht der Himmel auf Erden, aber immerhin eine Leiter zum Himmel.

Die Geschichte von Jakob ist keine gute Familiengeschichte, sie ist eine Schuldgeschichte und es gibt erst spät Versöhnung.

In dieser Zeit die durch Sorge vor Ansteckung und Krankheit geprägt ist, sind wir auf familiäre Kontakte begrenzt. Und unsre Familiengeschichten sind wie die Jakobs nicht immer helle und leichte Geschichten.

Manchmal findet man gerade jetzt wieder zusammen, aber oft bleiben die gefühlten Entfernungen voneinander bestehen.

Die Sorge um Familien, die jetzt auf engsten Raum zusammen sind und deren Miteinander bisher gestützt war durch die Hilfe anderer  (Lehrender , ganztägiger Betreuung, Unterstützung des Jugendamtes) wächst.

Jakob muss nicht in seiner Wohnung bleiben, er kann sich aus seinem mitverschuldeten Alptraum in ein neues Leben aufmachen. Und er weiß nach seinem Traum in Bethel, dass Gott – obwohl er ein Träumer und Lügner ist – mit ihm geht. Und in deine Handfläche geschrieben: die Straße.

Jakob mit der Himmelsleiter im Herzen findet als Gesegneter Gottes einen guten Weg. Er findet Liebe, eine Familie, Kinder. Aber  dann muss er zurück. Die  Begegnung mit dem damals belogenen  Bruder steht bevor. Und Gott schickt sich selbst in einem Engel, nachts ins Dunkle – Jakob muss Gott mit aller Kraft aushalten. Das Recht auf sein Erbe hatte er sich genommen, um den Segen Gottes kann er nur bitten.

Und im Finstern ringen

mit einem Engel.

Und kann ihn nicht besiegen.

 

„Schaffe mir Recht, Judica me deus“- Judika heißt dieser Sonntag nach dem Psalm. In allen biblischen Texten, die wir sonst am Sonntag Judica in der Kirche lesen, spüren wir das Vertrauen zu Gott. Gott kann recht schaffen und wird es tun- in seiner Weise.

Jesus weiß darum und geht deshalb den Weg ans Kreuz, nicht wie ein unbesiegbarer Held, sondern mit Fragen und Bitten und Schmerzen. Für mich heißt „recht schaffen“ an die richtige Stelle gesetzt werden von Gott. Durch seinen Segen. Das ist oft nicht die Stelle, die ich mir ausgesucht, die ich geplant habe, - es ist Gottes Stelle für mich: Bet-el.

An diese Stelle finde ich oft nicht leicht und weich gebettet, manchmal bin ich im Dunkeln und oft kämpfe ich mit Gott. Meine Familiengeschichten, meine Begegnungen mit Menschen gelingen nicht immer, manchmal muss ich weitergehen oder zurückkehren wie der Träumer Jakob. Ich lerne von Jakob, dass Gott den Weg für mich weiß und ihn mir zeigen will. In Gottes Handfläche bin ich geschrieben.

Jakob ist ein Planer, auf seinen Vorteil bedacht und ängstlich, aber auch mit Mut zu Neuem und dazu, Dinge in Ordnung zu bringen. Er ist ein Träumer immer mit Vertrauen zu Gott. „Ich lasse dich nicht, Du segnest mich denn“ –

Es gibt Orte der Berührung zwischen Himmel und Erde in unserem Leben. Orte , die nicht planbar sind . Oft sind sie stone-pillowed. Sie sind nicht weich gebettet. Die Leiter zum Himmel zeigt sich im Dunklen, in Angst und Sorgen, in  geplatzten Plänen und in bestehenden Sehnsüchten, auch in Schuld. Eben zwischen den Linien - between the lines.  

Die Leiter zum Himmel zeigt sich im Vertrauen zu Gott und Vertrauen ist im Traum manchmal leichter. Gott weiß das.

„Heute will ich aber einen schönen Traum.“ Ich habe am Morgen meinen Sohn gefragt, ob es geklappt hat mit dem schönen Traum. „Klar“, hat er gesagt.

Amen.

Musik zum Tag

"Darkest side" - (c) Laura Wessel

Gebet

Gott des Lichts und der Hoffnung,

durch dich erfahren wir,
dass Leid, Tod und Trostlosigkeit
nicht bis in deine Ewigkeit reichen.

Du schaffst Gerechtigkeit.
Dein Licht und deine Liebe zu uns
machen unsere guten Seiten sichtbar;
lassen Schuld
und Schuldgefühle verblassen.

Wir wollen uns aufmachen, dich zu suchen.
Bei dir wandelt sich Trauer in Lachen.
Du bist unsere Hilfe.

Amen

Psalmübertragung

Lieber Gott,

setz Du Dich doch bitte für mich ein
und nimm meine Sorgen in Deine Hand.
Ich möchte nicht immer so traurig sein,
weil ich nicht zurechtkomme im Alltag.

Mach es hell vor meinen Augen,
lass mich einsehen, was Du sagst,
damit ich immer wieder zurückfinde
auf Deinen Weg
und aufblicken kann zu Dir
und Deine Stimme in meinem Herzen höre.

Ich möchte immer wieder zurückfinden
in die Kirche, hin zum Altar,
von dem soviel Segen ausgeht,
Deine Nähe, guter Gott;
denn durch Dich lerne ich wieder lachen,
so dass ich Dir danken kann.

(aus Psalm 43 in der Übertragung v. Peter Spangenberg)