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Erhalte dir die Freude

22. März 2020 - Predigt

Predigt über Joh 12, 20-24

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Passionszeit ist nicht nur eine feste Zeit im Kirchenjahr - Passionszeiten gibt es immer wieder in unserem Leben.

Gerade ist so eine Zeit - jeder und jede verfolgt die Zahlen der steigenden Infektionen mit Angst. Ebola, Sars, Thyphus, Diphterie – bisher waren hochansteckende Krankheiten ebenso wie Hunger weit weg, in anderen Teilen der Erde. Jetzt sind sie hier. Globalisierung heißt sich nicht, sich nur an der Welt bedienen können, Globalisierung heißt auch, Angst und Krankheit zu teilen. Gerade mit Sorge vor dem neuen Coronavirus ist mir bewusst, dass wir die große Gnade haben, hier in einem auch medizinisch weit entwickelten Land zu leben. Ich verstehe jede Mutter in anderen Ländern, die sich das für ihre Kinder auch wünscht.

Krankheit heißt Leiden und Leiden ist Passion. In der Passionszeit vor Ostern hören wir in den Gottesdiensten Lesungen aus den Evangelien - Erzählungen über das, was passiert Richtung Kreuz. Aber heute – Lätare – machen die Zeichen Richtung Leiden eine kleine Pause. In die dunkle Passionszeit leuchtet der heutige Sonntag. Lätare – das heißt übersetzt: Freut euch! Freut euch, er wird auferstehen. Lätare – früher hat man diesen Sonntag auch „Klein Ostern“ genannt und die liturgische Farbe war nicht violett für die Passionszeit, sondern rosa, aufgehelltes Lila - Freude mitten in der Traurigkeit.

Jesus ist in Jerusalem. Umjubelt von vielen Menschen ist er wie ein König in die Hauptstadt eingezogen. Doch Jesus weiß: Seine Gegner haben beschlossen, ihn zu töten.

Trotz des Zulaufs der Menschen scheint der Tod Jesu unvermeidbar, der Schatten des Kreuzes liegt über allem. Im Moment des Einzugs hören wir von der Bitte einiger Griechen: “Wir wollen Jesus sehen“. Kein oberflächlicher, sensationsgieriger Wunsch, sondern tiefe Sehnsucht. Die Sehnsucht, in Jesus Gott zu begegnen, Gott zu spüren. Sehnsucht danach, dass dieses „Sehen“ ihrem Leben Sinn, Heilung gibt.

Jesus erfährt durch seine Jünger Philippus und Andreas von diesem Wunsch und reagiert geheimnisvoll. Er antwortet: „Die Zeit ist gekommen, dass der göttliche Glanz, die Herrlichkeit des Menschensohnes sichtbar wird. Amen ich sage euch: Wenn das Weizenkorn, das in die Erde fällt, nicht stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“

Jesus geht auf den Wunsch, die Sehnsucht der Griechen ein, sein göttlicher Glanz wird sichtbar werden, sie werden ihn sehen, sich daran freuen können. Aber es ist ein anderer Glanz als wir es erwarten: kein Glanz des ungetrübten Erfolges, des ungebrochenen Glücks. Sondern ein Glanz, der mit dem Tod verbunden ist. Dieser Satz: Wenn das Weizenkorn, das in die Erde fällt, nicht stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Das ist nicht nur für uns heute geheimnisvoll, das  war  mit Sicherheit auch geheimnisvoll für die Jünger Jesu und erst recht für die griechischen Männer. Ihre Sehnsucht, Jesus zu sehen, die Sehnsucht nach Leben, nach Freude, nach Glück beantwortet Jesus  mit dem Hinweis auf seinen Tod. Denn er wird sterben, so wie die Menschen das damals vom Weizenkorn geglaubt haben.

Antike Biologie – wir wissen es heute anders – aber die Menschen damals haben wirklich geglaubt, dass das Korn in der Erde sterben muss, damit aus ihm neues Leben entstehen kann.

Jesus sagt: Der Tod des Weizenkorns ist ein Tod, der neues Leben schafft. Das Ende erscheint als neuer Anfang. Der Halm wächst aus der Erde, Heilung und Freude werden sichtbar.

Aber: All dies gibt es nicht am Kreuz vorbei. Das ist die Nachricht an die Griechen, an die Jünger, an uns. Passionszeiten gibt es immer wieder in unserem Leben.

Jetzt gerade  erleben wir eine kollektive Passionszeit, aber eigene Geschichten von Angst und Verlust haben wir alle.

Passionszeit ist nicht vergangen, war damals und weit weg.

Passionszeiten sind auch heute nicht weit weg – bei anderen, in anderen Ländern, anderen Kontinenten.

Passion ist auch bei uns. Unser Leben ist Passionszeit, wenn wir loslassen müssen, Angst haben, Schmerzen ertragen müssen.

Der Gott, an den wir glauben, ist der Gekreuzigte. Ist der, der erlebt hat, was wir alle uns nicht wünschen: Schmerzen, Einsamkeit, einen furchtbaren Tod. Gleichzeitig ist er eben auch der Auferstandene, der erlebt, was wir alle uns wünschen: neu und heil mit Freude bei Gott zu leben, ohne all das, was das Leben schwer macht,  

Lätare – „Klein Ostern“ ist ein Sehnsuchtssonntag. Er erzählt von der Sehnsucht nach Heil mittendrin in Unheil und Angst. Lätare – sich freuen geht trotzdem.

Dietrich Bonhoeffer schreibt aus dem Gefängnis am 9. März 1944: „Zum zweiten Mal erlebe ich die Passionszeit hier. Ich wehre mich innerlich dagegen, wenn ich in Briefen...Wendungen lese, die von meinem `Leiden` sprechen. Mir kommt das wie eine Profanisierung vor. Man darf diese Dinge nicht dramatisieren. Ob ich mehr `leide` als Du oder als die meisten Menschen heute überhaupt, ist mehr als fraglich. Natürlich ist vieles scheußlich, aber wo ist es das nicht? (...) Wir betonen so gern das seelische Leiden; gerade dieses aber sollte uns Christus abgenommen haben. (...) Nun genug für heute! Wann werden wir uns wieder sprechen können? Bleib gesund, freue Dich an dem schönen Land, verbreite hilaritas (lat.: Freude) um Dich und erhalte sie Dir selbst!...“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung).

„Amen ich sage euch: Wenn das Weizenkorn, das in die Erde fällt, nicht stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“

Ich erfahre nicht, wie es den Griechen mit dem Satz vom Weizenkorn ging. Vielleicht waren sie erschreckt. Ihre Sehnsucht danach, Jesus zu sehen war gestillt, aber dieses Sehen hat nicht alles in ihrer Welt heil und gut gemacht. Sie kamen am Kreuz nicht vorbei. Trotzdem: Lätare: Freut euch!

„Nun genug für heute !Wann werden wir uns wieder sprechen können? Bleib gesund, freue Dich an dem schönen Land, verbreite hilaritas ( lat.: Freude) um Dich und erhalte sie Dir selbst!...“

Amen.


22. März 2020 - Gebet und Psalm

Wir beten:

Guter Gott,
in diesen Tagen spüren wir besonders,
wie gut es tut,
einen Ort zu haben,
an dem wir uns dir nahe fühlen.
Auch wenn die Türen unserer
Kirche nun geschlossen sind
und wir nicht zusammenkommen können:
Unser Herz ist offen für dich
Komm du jetzt zu uns.
Lass uns zur Ruhe kommen,
mit allem, was uns gerade bewegt.

Stille

Wir bitten dich: Höre uns
Amen

(von Kathrin Oxen)

 

Psalm 84 in der Übertragung von Huub Osterhuis

Das prachtvolle Haus,
das da steht, auf grünem Hügel,
weite Flügel schattenreiche Veranden,
hohe Fenster tiefe Räume,
dieses dein Haus.

wo alles willkommen ist, wo alles wohnt-
die Sperlinge dürfen mit an den Tisch,
die Schwalbe baut unter der Rinne ihr Nest-
ich bin eines ihrer Jungen.
Unruhig ist mein Herz, ungestüm habe ich
nach diesem Ort verlangt.

Menschen, wo auch geboren,
wissen nicht was sie treibt,
sind unterwegs hin zu dir.
Quer durchs leere Land
über dunkle Gewässer, durch Wälder,
über den Bergkamm,über den Gipfel
gehen sie blindlings.

Und dann eines Tages
stehen sie da. Dürfen wir bleiben? Ihr dürft.
Sie schlagen die Zelte auf
zwischen deinen Zedern, unter deinen Eichen,
liegen ausgestreckt im hohen Gras-
ganz selig.

Lieber einen Tag nah bei dir
als Tausende weit von dir weg,
lieber einen, als Tausende weit von dir weg.