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Gottesdienst zum Sonntag Quasimodogeniti

Pfarrerin Katrin Hirschberg-Sonnemann

Musik: My Lord, What a Morning

Piano: Dr. Birgit Kordt

Psalm 116

Du Quelle des Lebens:

Wie sich die Blumen
der Sonne öffnen,
so möchten wir blühen unter deiner Liebe. 

So wie das Grün
aus der Erde bricht,
möchten wir
im Glauben wachsen.

So wie die Bäume
Früchte tragen,
möchten wir
andere nähren mit Mut und Hoffnung.

Gott, weck uns zu einem Leben in Fülle
in deiner Gegenwart.

Psalm 116, 1-9 (nach Sylvia Bukowski) 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater,und dem Herrn Jesus Christus.Amen.

Latein.
Am Küchentisch. Unterricht zuhause. Am Anfang klang das vielversprechend - ausschlafen, kurze Wege, der Kühlschrank bei Pausen in der Nähe, selbstbestimmtes Lernen, die Hoffnung auf eine weniger strenge Lehrerin. Jetzt nach dem Abarbeiten des Pensums von drei Hauptfächern und sechs Nebenfächern ist Latein noch übrig. Noch nicht geschafft. Es liegt quasi wie ein unüberwindlicher Berg auf dem Tisch ...

Quasi – lateinisch; Adverb, Übersetzung: gleichwie, wie – wird für den Vergleich benutzt, zu Beschreibung eines vergleichbaren Bildes.

„Quasi modo geniti infantes, Halleluja!“ Durch Ostern sind wir wie die neu geborenen Kinder haben die Menschen früher am Beginn des Sonntag nach Ostern gesungen.

Der Sonntag Quasimodogeniti vor 75 Jahren war der letzte Sonntag, den Dietrich Bonhoeffer erlebt hat.

„ … So hielt Bonhoeffer denn auf allgemeinen Wunsch (der Mithäftlinge) eine Andacht. Er las die Texte des Sonntags Quasimodogeniti, sprach Gebete und legte seinen Kameraden die Losung des Tages aus (...). Er sprach von den Gedanken und Entschlüssen, die diese gemeinsame turbulente Gefangenschaft allen gebracht hatte. Nach dem Gottesdienst planten die Sippenhäftlinge, Bonhoeffer in ihren Saal hinüberzuschmuggeln, um dort auch eine Andacht zu haben. Aber es dauerte nicht lange, bis die Tür aufgerissen wurde: „Gefangener Bonhoeffer, fertigmachen und mitkommen.“ (aus: Widerstand und Ergebung) Dietrich Bonhoeffer wurde am Morgen des nächsten Tages in Flossenbürg ermordet. Beim Verlassen seiner Mithäftlinge hat er gesagt: „Das ist das Ende- für mich der Beginn des Lebens.“

Die Texte des Sonntages Quasimodogeniti erzählen vom Beginn des neuen Lebens. Sie erzählen, dass wir durch Jesus Auferstehung wie Kinder neu geboren sind.
In uns hat sich etwas verändert.

Paulus beschreibt unser neues Leben nach Ostern so im Galaterbrief:

„... Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,19f)

Jesus lebt in mir – Quasi.

Ich denke an die kleinen russischen Holzpuppen - ein Kindergeschenk. Bunt lackiert gibt es sie in verschiedenen Größen. Nicht ihre bunte Lackierung macht sie interessant, sondern ihr Innenleben. Man kann sie in der Mitte aufdrehen und findet innen wieder eine kleinere Puppe. Und auch wenn ich sie wieder zumache und geschlossen auf ihren Platz stelle, weiß ich doch immer um das Innenleben. Wenn man uns so aufdrehen könnte, wie diese Puppen, was würde man finden? Ein „Ich“, mein „Ich“. Jeder von uns hat ein anderes. Es ist in uns, füllt uns aus, macht uns zu dem, was wir sind. Woraus besteht dieses „Ich“? Aus dem, was ich selbst über mich denke? Aus dem, wie andere mich beurteilen? Aus dem, was Gott in mir sieht?

Für Paulus ist die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ leicht und eindeutig. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.

Hintergrund seiner Worte im Galaterbrief ist ein Streit. Eine Auseinandersetzung zwischen zweien, Paulus und Petrus. Sie haben sich getroffen und Petrus hatte gemeinsam mit Menschen aus der Gemeinde gegessen. Da kamen andere hinzu und fragten Petrus: “Wie kannst du das tun? Die mit denen du isst sind Heiden, Unreine, sie gehören nicht zu uns. Wie kannst du nur mit ihnen zusammen sein?“

Petrus will nicht mit den Falschen zusammen sein. Er will sich an die Regeln halten. Sich richtig verhalten, den Regeln und Auflagen gemäß hat unseren Alltag die vergangenen Wochen sehr bestimmt. Lieber einmal mehr Abstand als zu wenig. Es richtig machen – quasi wie Petrus. Petrus stellt sich mehr als zwei Meter zur Seite von den „Anderen“.

Paulus schränkt das ein - Gesetzte und Regeln sind gut, richtig, manchmal lebenswichtig – aber besser als andere wird man durch ihr Befolgen nicht. Paulus weiß, niemand wird glücklich, niemand findet zu seinem Ich durch das, was er leistet.

Petrus tut mir leid. Ich kann ihn gut verstehen. Er orientiert sich an Regeln und an der Meinung anderer doch nicht aus Hochmut sondern aus seiner Unsicherheit heraus.

„Wer bin ich?“ Wir suchen nach dem, was uns ausmacht, was uns definiert, was uns liebenswert macht für andere und für uns selbst. In der Suche orientieren wir uns an messbaren äußeren Maßstäben: Ich bin jemand, weil mich andere anerkennen, weil sie mich brauchen, weil ich wichtig für sie bin. Oder ich bin jemand, weil ich gute Leistungen bringe - im Beruf oder auch privat. Oder ich bin jemand, weil mein Aussehen dem entspricht, was als schön gilt. Vielleicht bin ich auch jemand, weil sich ein anderer Mensch sein Leben nicht ohne mich vorstellen kann. Das, was andere in mir sehen, füllt mich aus, erklärt mir, wer ich bin. Aber was ist, wenn sie nichts mehr in mir sehen? Wenn ich anderen gleichgültig geworden bin, meine Leistungen nachlassen; der Mensch, für den ich alles war, mich verlässt? Die Frage „Wer bin ich?“ lässt sich dann nicht mehr beantworten.

Bonhoeffer hat der Frage nach seinem Ich auch nicht ausweichen können –:

„Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest,

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener? (...)
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

( aus: Widerstand und Ergebung)

Wer bin ich? Bonhoeffer schreibt: Dein bin ich, o Gott.

Und Paulus: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“

Da ist nicht mehr mein altes „Ich“, ich bin geöffnet. Gott hat uns geöffnet, er hat das alte „Ich“ herausgenommen, nun ist Christus unser Innenleben.
Gott hat die Frage, wer wir sind, schon lange beantwortet.

Es wird viel an Dietrich Bonhoeffer gedacht und von ihm erzählt in diesem besonderen Jahr. Gestern habe ich einen kleinen Satz in einem Buch über ihn und seine Verlobte Maria von Wedemeyer gefunden. Dietrich Bonheoffer besucht Marias Großmutter häufig als sie erkrankt war und diese Besuche haben Maria und Ihrer Großmutter gut getan- Maria schreibt: „Ich wunderte mich über die vielen Besuche und war beeindruckt von Dietrichs Treue. In dieser Zeit haben wir oft und lange miteinander gesprochen ...“ Es gibt Dinge an Dietrich Bonhoeffer, die Maria von Wedemeyer rühren. Sie schreibt: „Er klopft immer zweimal an die Tür des Krankenzimmers, erst außen, dann innen. Das tut niemand sonst.“

Zweimal anklopfen: Von außen und von innen an die Tür.

Weil es beides gibt – das Außen und das Innen.

Weil Gott das besonders weiß und Jesus uns daran erinnert. Damit wird mir manches an der äußeren Seite der Tür leichter denn ich weiß dass Gott innen bei uns anklopft. Quasi.

Und das macht es mir leichter- nicht nur am Küchentisch vor einem scheinbar unüberwindbaren Berg lateinischer Vokabeln, sondern vor vielen Bergen.

„Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“

Amen.

Fürbittengebet

Gott des Himmels und der Erde,
durch den wir werden quasi wie neugeborene Kinder,

sei bei Menschen, mit denen wir leben,
unter einem Dach, in einer Straße,
in einer Familie, in Gemeinde und Freundeskreis.

Wir bitten Dich für die Kranken um Heilung
und für die, die besorgt um sie sind um Hoffnung.

Wir bitten für die Trauernden um Trost und Linderung
ihrer Erschöpfung und der Angst vor dem Alleinsein.

Wir bitten für  die Belasteten, die Niedergeschlagenen und die Unsicheren
und für die, die sprachlos geworden sind vor dir Gott.

Gib ihnen Mut und Kraft und Glauben .
Lass sie spüren dass Du in und mit ihnen bist.

Gott, wir bringen unsere Welt vor dich,
die kleine Welt  die wir durchmessen können,
und die große Welt, in der wir hinter Zahlen und Schlagzeilen Schicksalen ahnen.

Bewahre, Gott, die Menschen deiner Welt - Kinder und Ältere und alle die Deine Nähe brauchen.

Amen.

Vater Unser

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Segen

Segen ströme in alle Ecken dieser Welt.
Erfülle die Krankenzimmer und Wohnzimmer mit Gottesglanz.
Segen umleuchte jedes Herz.
Damit jede noch so kleine Hoffnung wachsen kann
im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. 

Musik: Von guten Mächten wunderbar geborgen

Piano: Dr. Birgit Kordt